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In der Schweiz ist es wenig bekannt, dass ein grosser Teil unserer heimischen Greifvögel Zugvögel sind. Arten wie Rohrweihe, Rot- und Schwarzmilan, Wespenbussard, Schlangenadler oder Zwergohreule verlassen im Winter Mitteleuropa und ziehen in nahrungsreichere Regionen Südeuropas – und vielfach nach kurzer Rast zur Regeneration dann noch weiter bis nach Afrika.
Eine der viel beflogenen Zugrouten führt von Mitteleuropa über die Alpen entlang des italienischen Festlands bis zur Strasse von Messina, einer schmalen Meerenge zwischen Kalabrien und Sizilien.
Mittlere Vogelzugroute Europas (Karte: © iStock)
Hier müssen die Vögel einen nur fünf bis zwölf Kilometer breiten Meeresarm überqueren. Starke Winde und fehlende Thermik über dem offenen Meer zwingen viele Greifvögel dazu, in geringer Höhe zu fliegen oder über den Küstenhängen zu kreisen, um ausreichend Höhe für den Weiterzug zu gewinnen.
Dieser natürliche Engpass in Kombination mit illegaler Jagd macht die Strasse von Messina zu einem gefährlichen Ort des europäischen Vogelzugs.
Noch immer sitzen hier illegale Jäger in alten Bunkeranlagen oder versteckt im Gebüsch. Während die erschöpften Greifvögel um Aufwind ringen, werden sie brutal vom Himmel geschossen.
Wespenbussarde kreisen über den Berghängen der Strasse von Messina © MWRC/M. Ungaro
Die Wildtier-Rettungsstation von Anna und Deborah liegt in den Peloritanischen Bergen oberhalb der Metropolstadt Messina – nur wenige Kilometer von der Meerenge entfernt.
Sie ist die einzige fachlich spezialisierte Auffangstation für Wildvögel und weitere Wildtiere in der Region.
Hier werden Greifvögel versorgt, die auf ihrem Zug durch Abschüsse verletzt wurden, in den felsigen Küstenhängen verunglücken oder von den Carabinieri und der Forstpolizei aus illegaler Haltung beschlagnahmt werden. Manche Tiere benötigen nur wenige Wochen Pflege. Andere bleiben monatelang – bis sie wieder stark genug sind, um in die wilde Freiheit zurückzukehren.
Anna und andere Vogelschützer überwachen den Himmel über der Meerenge von Messina © MWRC
Jetzt, im bevorstehenden Frühjahr führen Anna und Deborah wieder ein Zugvogelschutz-Camp durch. Während dieser Anti-Wilderei-Einsätze erfassen die Vogelschützerinnen und Vogelschützer systematisch die über die Strasse von Messina ziehenden Greifvögel. Diese standardisierten Zählungen liefern wertvolle Daten zum Zuggeschehen, zu Bestandsentwicklungen und zu möglichen Gefährdungstrends einzelner Arten.
Die gewonnenen Informationen fliessen in wissenschaftliche Auswertungen ein und bilden eine wichtige Grundlage für nationale und internationale Schutzprogramme.
Aktuell plant die italienische Regierung erneut den Bau einer Brücke zwischen Sizilien und dem italienischen Festland. Ein solches Grossprojekt würde in einen ökologisch sensiblen Hotspot des europäischen Vogelzugs eingreifen und könnte das Zuggeschehen sowie die Lebensräume zahlreicher Arten beeinflussen. Auch wandernde Fischarten und die Meeresökologie der Meerenge wären von den gigantischen baulichen Eingriffen potenziell betroffen.
Bereits in der Vergangenheit trugen wissenschaftliche Untersuchungen massgeblich dazu bei, ökologische Risiken des Projekts aufzuzeigen und eine Umsetzung zu verhindern. Auch heute sind unabhängige, belastbare Daten entscheidend, um mögliche Auswirkungen fundiert beurteilen zu können.
So nutzen Anna und Deborah die Einsätze gleichwohl, um Studierenden und jungen Ornithologinnen und Ornithologen praktische Feldkenntnisse zu vermitteln – von der Artbestimmung bis zur Datenerhebung unter anspruchsvollen Bedingungen.
So verbindet das Projekt aktiven Artenschutz mit Forschung und Ausbildung – und stärkt die nächste Generation von Fachleuten, die sich langfristig für den Schutz wandernder Greifvögel einsetzen wird.
Wespenbussard fliegt über einen alten Bunker. Oft werden diese Strukturen von illegalen Jägern als Verstecke benutzt © MWRC/M. Ungaro
Trotz der intensiven Bemühungen, die illegale Jagd zu verhindern, werden leider jedes Jahr zahlreiche Greifvögel getötet oder verletzt. In Sizilien gilt es noch immer in manchen düsteren Kreisen als ein Zeichen von «Männlichkeit», wenn man einen geschützten Greifvogel vom Himmel schiesst. Viele verletzte Vögel werden von Freiwilligen eingesammelt und in die Wildtier-Rettungsstation gebracht, wo sie die notwendige Pflege erhalten – manchmal über mehrere Monate lang.
Ein Wespenbussard wurde beispielsweise im vergangenen Frühjahr beim Versuch, die Meerenge zu überqueren, von einem illegalen Schuss getroffen. Ehrenamtliche Beobachter dokumentierten den Abschuss und konnten den verletzten Vogel gemeinsam mit den Carabinieri sichern und in die Rettungsstation bringen. Dort begann ein wochenlanger Kampf um sein Überleben. Tierarzt Fabio operierte den gebrochenen Flügel. Es folgten intensive Pflege, medizinische Betreuung und behutsames Aufbautraining in der Voliere. Solche Eingriffe erfordern Erfahrung, Geduld und spezialisierte Infrastruktur – ohne die viele dieser Vögel keine Chance hätten. Im letzten Herbst konnte der genesene Wespenbussard wieder freigelassen werden – zurück in die Freiheit.
Seit über 40 Jahren setzen sich Anna und Deborah für genau diese Momente ein: Wenn aus einem Opfer illegaler Jagd wieder ein freier Zugvogel wird.
Wespenbussard-Weibchen kurz vor ihrer Freilassung © MWRC
Gesund gepflegtes Wespenbussard-Männchen © MWRC
Damit wir den Betrieb der Rettungsstation von Anna und Deborah und das Greifvogel-Schutzcamp auch 2026 finanzieren können, benötigen wir die Spendenunterstützung von tierliebenden Menschen. Jeder Beitrag – klein oder gross – kann Wildtierleben retten und schenkt Anna, Deborah und dem stets hilfsbereiten Tierarzt Fabio die nötige Kraft und Zuversicht, diese aufopferungsvolle Arbeit fortzusetzen.
Die wichtige und mutige Tierschutz- und Rettungsarbeit von Anna und Deborah wird in der vom SWR produzierten Dokumentation gezeigt, die Sie unter diesem Link gerne anschauen dürfen (ab Minute 54:04):
https://www.ardmediathek.de/video/traumziele/sizilien-italiens-sonneninsel-im-mittelmeer/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIxMDY0NTE
Ein freigelassener Mäusebussard fliegt wieder in die Freiheit ©MWRC
Information zum Bild in der Überschriftenleiste:
«Gesund gepflegtes Wespenbussard-Weibchen kurz vor der Freilassung © MWRC»
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